Willkommen zu einer Revolution, die leise begann und heute den gesamten Modellbau dominiert. Wer heute eine moderne Fernsteuerung einschaltet, nutzt meist kein proprietäres System eines Traditionsherstellers mehr, sondern EdgeTX. In diesem ersten Teil unserer Reihe schauen wir uns an, wie eine offene Software die Hardware-Industrie umgekrempelt hat und warum die technische Tiefe dieses Systems jedem Piloten ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.
1. Die Hardware: Das Ende des Marken-Monopols
Früher war man als Pilot in einem „Goldenen Käfig“ gefangen. Kaufte man eine Fernsteuerung von Marke X, war man an deren Software, deren teure Empfänger und deren Innovationszyklus gebunden.
Open-Source-Projekte wie OpenTX und dessen moderner, Touch-optimierter Nachfolger EdgeTX haben dieses Modell zertrümmert. Heute spezialisieren sich Hardware-Hersteller darauf, die perfekte „Hülle“ für diese Software zu bauen:
• Die Markttreiber: Hersteller wie RadioMaster (TX16S, Boxer, Zorro) oder Jumper RC (T20, T-Pro) bauen Fernsteuerungen, die ab Werk mit EdgeTX ausgeliefert werden.
• Die Qualität: Statt billiger Plastik-Potis kommen heute hochpräzise Hall-Effekt-Gimbals zum Einsatz, die die Stickposition magnetisch und damit verschleißfrei mit einer Auflösung von meist 4096 Schritten abtasten.
• Der Modulschacht: Ein technisches Schlüsselelement ist der JR- oder Nano-Schacht auf der Rückseite. Er erlaubt es, über standardisierte Schnittstellen Funkmodule für jedes erdenkliche Protokoll (z.B. ExpressLRS oder Crossfire) nachzurüsten. Die Fernsteuerung wird so zum universellen Werkzeug.
2. Die Software-Architektur: Alles ist ein Signal
In EdgeTX gibt es keine starren Zuweisungen wie „Kanal 1 ist immer Gas“. Das System folgt einer strengen, dreistufigen Logik-Kette, die absolute Kontrolle über jeden Datenpunkt ermöglicht:
A. Inputs (Eingangsebene)
Hier werden die physischen Geber (Sticks, Schalter, Potis) digitalisiert.
• Technische Tiefe: Du kannst hier bereits Dual-Rate und Exponential-Kurven festlegen. Da dies auf der Input-Ebene geschieht, wirkt die Änderung global auf alle Mischer, die diesen Stick verwenden. Die Software erlaubt es, Inputs über logische Schalter zu aktivieren oder zu deaktivieren (z.B. unterschiedliche Empfindlichkeiten je nach Flugphase).
B. Mixer (Die Logik-Zentrale)
Der Mixer ist das Herzstück. Hier werden Inputs zu logischen Kanälen kombiniert.
• Mischer-Operationen: Zeilen können addiert, multipliziert oder ersetzt werden.
• Beispiel: Ein Gas-Not-Aus wird technisch oft so gelöst, dass eine Mischer-Zeile den Gaskanal mit dem Wert -100 überschreibt (Replace), sobald ein Sicherheitsschalter umgelegt wird – völlig unabhängig davon, wo der Gasstick gerade steht.
C. Outputs (Ausgangsebene)
Erst hier wird festgelegt, wie das Signal den Sender verlässt.
• Pulsweiten-Modulation (PWM): Du definierst hier die exakten Mikrosekunden (\mu s). Während Standard-Systeme oft starr zwischen 1000 und 2000 \mu s arbeiten, lässt EdgeTX „Extended Limits“ zu, um das Maximum aus Servowegen herauszuholen.
• Subtrim: EdgeTX berechnet den Subtrim so, dass die Endpunkte symmetrisch bleiben, was lineares Steuerverhalten über den gesamten Weg garantiert.
3. Logische Schalter und LUA-Skripte
Der größte Vorteil gegenüber geschlossenen Systemen ist die Programmierbarkeit.
• Logische Schalter: Das sind virtuelle Schalter, die auf Bedingungen reagieren. Beispiel: „Aktiviere die Telemetrie-Ansage nur, wenn der Stromverbrauch > 50A ist UND das Fahrwerk eingefahren ist.“
• LUA-Skripte: EdgeTX kann kleine Programme in der Sprache LUA ausführen. Dies wird genutzt, um über das Display der Fernsteuerung direkt die PIDs eines Flightcontrollers zu ändern oder das ExpressLRS-Funkmodul zu konfigurieren. Die Fernsteuerung wird so zum User-Interface für das gesamte Modell.
4. EdgeTX Companion: Das Labor am PC
Ein technischer Tiefgang wäre nicht vollständig ohne den EdgeTX Companion. Diese Software erlaubt es, das komplette Modell-Setup am Computer zu planen, zu simulieren und zu sichern. Du kannst Flugphasen und komplexe Mischer (z.B. für 6-Klappen-Segler) in einem Simulator testen, bevor das Modell auch nur einen Millimeter seine Ruder bewegt. Das erhöht die Sicherheit massiv und verkürzt die Einstellzeit auf dem Flugplatz.
Fazit & Ausblick
EdgeTX ist nicht nur eine Firmware; es ist ein Statement für Freiheit und technische Transparenz. Es hat den Weg geebnet für Hardware, die leistungsfähiger und gleichzeitig günstiger ist als alles, was wir vor 20 Jahren kannten.
Doch was nützt das beste Gehirn, wenn die Verbindung zum Modell instabil ist? Im nächsten Teil unserer Reihe widmen wir uns der „unsichtbaren Leine“: ExpressLRS. Wir schauen uns an, wie Open-Source-Funktechnik physikalische Grenzen verschiebt und warum wir heute mit 100mW weiter fliegen können als früher mit 1W.

